Hundefreizeit Obedience

Wenn „Fehl“-Verhalten suchtmäßige Züge annimmt…

flatNein – es geht hier nicht um alkohol- oder drogenkonsumierende Hunde 😉 Aber immerhin ist es ein Thema, mit dem ich mich schon häufiger befasst habe. Und nein – ich bin kein Hundetherapeut! Lediglich habe ich aus eigenen Erfahrungen am eigenen Leib Beobachtungen gemacht und dann versucht, mit logischem Menschenverstand Ansätze und Erklärungen zu finden.

Um was geht es hier? Schlicht und ergreifend um die Ratlosigkeit von uns 2-beinern, wenn ein Verhalten unseres Partners dazu führt, dass wir in gewissen Situationen keinen Zugang mehr zum ihm bekommen. Er driftet in seine „eigene“ Welt ab, in Dinge, die wir erst einmal nicht verstehen können. Wie auch?

Die Selbstzweifel, die einen Hundemenschen dann plagen, sind immens. Was habe ich falsch gemacht? Was ist der Auslöser? Wann hat es begonnen? Wie konnte es so weit kommen?

Alles legitime Fragen, die wir vermutlich nie wirklich richtig beantworten können. Tiefenpsychologische Ansätze gibt es – soweit ich weiß – in der Kynologie noch nicht. Und auch bei Menschen sind sie nicht immer zielführend.

Es geht auch nicht grundsätzlich um Verhalten, die der Umgebung schadet. Also ich spreche hier nicht von Beißern und potentiell gefährlichen Hunden, sondern um Hunde, die – warum auch immer – Verhalten zeigen, die sich verselbstständigt haben. Und das zu durchbrechen ist ein mehr als steiniger Weg.

Was ich genau meine?

Beispiele:
Laurin: Stressquietschen – Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Capper: Lautstarkes Theater morgens beim Aufstehen
aus der Vergangenheit: Justy, ein Mischling aus dem Tierschutz, der in gewissen Situationen nur noch bellte (und zwar auch mal 2 Stunden an einem Stück), dabei hüpfte und sich, sofern er nicht an der Leine war, sich nicht mehr einsammeln ließ.
Und nicht zuletzt auch ein Hundmädchen, was sich gewissen Situationen entzieht, in dem es nur noch die Nase auf dem Boden hat, sich festsaugt oder festfrisst und kaum noch Zugang zum wirklichen Leben findet.

Ganz doll viele Beispiele gibt es, die ich im Laufe meiner Hundezeit bereits erlebt habe.

Es ist müßig, sich darüber den Kopf zu zermartern, wie das denn soweit kommen konnte. Haben wir mal Drogenabhängige gefragt? Die wissen das auch nicht. Man ist so da hinein gerutscht. Alkohlabhängige, Patienten mit Anorexie oder Bulimie oder schlicht – der Raucher. Alles hat mal irgendwann angefangen und der Übergang zur Gewohnheit ist schleichend. Auf einmal da und nicht mehr wegzudenken. Synapsen sind geknüpft, das Gehirn bekommt Signale und dann wird getan, was das Hirn gelernt hat. Auch wenn es eigentlich keinen Sinn macht.

Und wie gehen wir dann damit um?

Nachdem der Hundehalter dann ratlos geworden ist und sich 1000 Tipps geholt hat, von Profis oder Nichtprofis oder Möchtegernprofis, lebt man irgendwann damit. Oder auch nicht … dann ist er unzufrieden, unglücklich … und der 4-beinige Freund ist auch unglücklich. Kein schöner Gedanke. Aber Resignation macht sich irgendwann breit. Vor allem dann, wenn man als letztes Mittel der Wahl dem Rat des Oberfachmanns gefolgt ist. „Mach mal Strom drauf, dann wird es so unangenehm, dass er das schon lässt… “ (Keine Angst – bei meinen Hunden ist das nie passiert, käme auch nie in Frage, aber bei dem 3.Genannten war das leider die Methode, die man letztendlich – mit Null-Erfolg – praktiziert hatte.)

Am eigenen Leib erfahren, weiß ich, dass „Fehlverhaltensweisen“ immer irgendwie da sind. Wir Menschen haben aber das Glück, uns dies bewusst machen zu können. Entsprechend können wir, wenn es trainiert wurde, gewisse Situationen erkennen und umschiffen und damit Verhalten verhindern, die wir eigentlich nicht wollen. Das ist schwer und man muss ein Leben lang daran arbeiten. Aber bei Hunden? Da ist die Sache dann doch etwas komplizierter.

Dennoch – damals mit Justy – es war ja nichts mehr zu verlieren. Der Hund war ja insoweit eine Seele von Hund, von dem keine Gefahr ausging. Also haben wir dann versucht, Verhalten umzuleiten. Wir begannen die Ansätze zu clickern. Ja. Richtig gehört. Wir clickerten die ersten Ansätze des (Fehl)-Verhaltens.  Zuvor studierten wir die Verhaltenskette genau. Bevor er seine Bellaussetzer bekam, begann er zu hüpfen. Immer von seinem Hundeführer tendenziell weg mit dem Kopf nach oben. Danach begann das Bellen. Und dann ging gar nichts mehr. Nachdem der Hund gelernt hatte, was Clicker bedeutet, starten wir den Versuch. Erster Ansatz „Hüpf“ – Click – Futter schmeißen.

Mein Gott, was haben wir uns anhören müssen. „Ihr verstärkt das Verhalten.“, „Der braucht einfach ein paar auf die Zwölf“, etc. pp.

Das ganz Training basierte darauf, den Hund zu entstressen. Von Situationen abzulenken, die ihn in diese Verhaltenskette hinein katapultierten. Das ganze Training dann im Laufe der Zeit gepaart mit immer steigenden „Stress-Anforderungen“. Bedrängen (vorsichtig), Geräusche, Situationen, etc.  Wir blieben positiv bis in die letzte Pore. Es gab verdammt viele Rückschläge. Wie immer, wenn ein Verhalten ausgelöscht oder abgeschwächt werden soll, kommt es intervallmäßig immer wieder in Extremform auf. Und so kam es auch bei uns immer wieder vor. Dennoch hielten wir fest an dem Vorgehen „Gedanken umlenken“  und „Situation entschärfen“. Nach gut und gerne 6 Monaten konnte Justy dann aus extrem belastenden Situationen relativ schnell heraus geholt werden. Das Verhalten war nie ganz weg, aber zumindest war das Dauergebell in Verbindung mit Hüpfen, Springen und sich-nicht-mehr-anpacken-lassen mehr als gut handlebar.

Das war die erste große Herausforderung, an der viele andere Tippgeber mit aversiven und „menschen-logischen“ Ansätzen gescheitert sind.

Woher diese Stressanfälle kamen, was die Ursache war, das konnten wir niemals herausfinden. Gelernt haben wir aber, dass es – wie bei Menschen auch – möglich ist, aufkommende Situationen zu analysieren und diesen entgegen zu steuern.

Ähnliche Dinge mit ganz brauchbaren, wenn auch nicht abschließenden Erfolg, habe ich mit Laurin und seinem Stress praktiziert. „Wie kannst Du Leckerchen schmeißen, wenn er quietscht oder bellt?“ Das habe ich gelernt zu überhören. Ich möchte einfach, dass aus einer Stress-Situation eine Relax-Situation wird – wenigstens annähernd.

Und bei unserem Gras-Beißer bauen wir die Situation nun so um, dass es zunächst keine Gelegenheit mehr gibt, Gras zu beißen. Dabei gestalten wir die Übungseinheit so angenehm, dass das Gehirn mit der Zeit noch andere Möglichkeiten lernt, als diese eine, nämlich: Stress – wegtauchen. Wobei mir sehr bewusst ist, dass auch hier das Verhalten gar nicht mehr ausschließlich auf Hochstress zurückzuführen ist, sondern das Gehirn schon darauf gedrillt ist: Es könnte stressig werden – also stecke doch mal die Nase ins Gras….

Dies ist ein Thema, was mich wahnsinnig interessiert. Es ist spannend, weil einfach jedes Lebewesen – selbst mit gleichen Symptomen – immer andere Hintergründe hat.

Und wenn ich sehe, dass sich klitzekleine Erfolge einstellen, dann könnte ich die Welt umarmen. Immer wissend und im Hinterkopf haltend, dass ein Gehirn nichts vergisst. Dennoch – diese kleinen positiven Momente machen einfach nur glücklich!

 

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